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Geschichten
von Nicole Paskow
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Zigeunerstory
Als ich nachmittags auf der Donau trieb, genau zwischen der bulgarisch-rumänischen Grenze, hoffte ich, dass mich die Zigeuner adoptierten.
In meinem blau-gelben Schlauchboot malte ich mir aus, für immer und ewig mit ihren zwei Ziegen zu spielen, die eine blind, die andere dreibeinig und mit ihren dickbäuchigen Kindern Bandenkriege zu führen.
Aber meine Eltern passten auf mich auf. Besser gesagt, meine Mutter passte auf. Mein Vater spielte Messerwerfen mit dem schnauzbärtigen Zigeunerbaron, der ihm fortwährend auf die Schulter klopfte. Vom Messerwerfen gingen sie über zum Bierdosenschießen und machten einen Heiden Krach. Meine Mutter rupfte Hühnchen mit den dicken Frauen, die alle schwarze Zahnlücken hatten und lächelte schüchtern mit ihren weißen Zähnen und ihrer hellen Haut, die am ersten Tag alle anfassen mussten, weil sie wirklich sehr hell war, bis sie am vierten Tag rot wurde.
Am vierten Tag hatte ich vergessen, dass ich jemals wo anders war und trieb sorglos auf meiner Donau. Die Sonne brannte mir ins Gesicht und wenn ich die Augen schloss, war es trotzdem hell hinter meinen Lidern. Ich summte ein Lied vor mich hin, dass sie mir beigebracht hatten, es handelten von einem Mädchen, dass sich in Acht nehmen sollte vor einem Jungen, der es entführen wollte um es zu küssen, mehr verstand ich von dem Text nicht, die Mädchen lachten jedenfalls und wurden rot, wenn die Jungen es sangen, dann rannten sie immer hinter uns her und versuchten uns zu fangen. Mit einer Hand paddelte ich im Wasser und spürte wie kalt es war, aber ich konnte die Fische sehen die unter mir schwammen. Da kam der nächste Schuss, der die Vögel aufschreckte, bestimmt waren es zwanzig, die in alle Himmelsrichtungen davon flogen. Ich sah von Weitem meinen Vater tanzen und sich freuen, er hatte wohl eine Bierdose getroffen.
Sie hatten uns zum Krebse essen eingeladen, als wir vor einigen Tagen am Strand lagen und meine Mutter ihre milchweiße Haut in die heiße Sonne hielt, mein Vater las ein Buch. Er las ständig irgendein Buch und abends trank er sehr viel und erzählte meiner Mutter wer gute und wer schlechte Geschichten schrieb. Meine Mutter freute sich und lächelte und ihre Augen sahen ihn genau so an wie ich immer den Spielzeugladen ansah. Ich aß so viele Krebse, bis mein Bauch auch so dick war wie der von den Zigeunerkindern. Sie sahen mich mit großen braunen Augen an und zupften an meinen blonden Haaren. Ein Junge, der einen halben Kopf größer war als ich, hatte eine Schleuder. Mit Kieselsteinen schoss er damit auf die Möwen. Er konnte das richtig gut. Zwei von drei Möwen traf er immer, die schrieen dann ganz laut und fielen fast ins Wasser, doch dann fingen sie sich wieder und flogen schnell davon. Er zeigte mir auch wie es geht. Doch meine Steine flogen immer in die Wolken, denen das aber nichts ausmachte. Der Junge hatte auch einen Esel. Der Zigeunerbaron setzte mich darauf und lachte. Sein ganzer Mund war voller goldener Zähne. Ich hatte ein bisschen Angst vor ihm, seine Hände waren so rau und seine Stimme sehr laut. Ich hielt mich mit aller Kraft am kurzen Fell des Esels fest, der schnaubte und den Kopf hin und her warf. Mein Herz klopfte sehr schnell, aber ich schaffte es oben zu bleiben. Dann pfiff der Zigeunerbaron durch seine goldenen Zähne und alle packten zusammen, mein Vater wollte mich vom Esel holen, doch der Baron gestikulierte und sagte irgendetwas zu ihm, er zeigte auch immer wieder mit dem Finger dorthin wo ganz viele Pappeln standen. Mein Vater sah zu meiner Mutter, die aussah als hätte sie auch zu viele Krebse gegessen. Sie schüttelte den Kopf doch mein Vater küsste sie, da musste sie lachen. Der Junge mit der Schleuder führte den Esel auf dem ich saß und alle gingen wir durch das Dorf, meine Mutter an der Hand meines Vaters, sie sah immer ängstlich zu mir hoch, aber als sie sah, wie gut ich reiten konnte, lächelte sie. Die Frauen sangen Lieder und hatten sehr hohe Stimmen die wie Trillerpfeifen klangen. Die Kinder sprangen vor meinem Esel herum und die Leute vor ihren Häusern zeigten auf mich und meine Eltern. Ein alter Mann holte seine Geige aus dem Haus und spielte Musik zu dem Gesang der Frauen. Wir kamen zu einem großen Platz auf dem Wohnwagen standen und Zelte, die von einer Reihe hoher Pappeln umringt waren. Dort waren noch mehr Leute in bunten Kleidern die uns begrüßten und umarmten als würden wir sie schon lange kennen. Die Frauen nahmen meine Mutter in die Mitte und zeigte ihr viele bunte Ketten und goldene Ohrringe. Sie schüttelte immer wieder den Kopf doch die Frauen behängten sie wie einen Weihnachtsbaum. Sie sah immer wieder zu meinem Vater rüber, der mit den Männern vor einem Auto stand, das einen Stern vorne drauf hatte, er klatschte in die Hände und nickte anerkennend und hatte keinen Blick für meine Mutter. Später wurde ein riesiges Feuer entfacht durch das die Männer sprangen und lachten, mein Vater sprang auch aber er lachte danach nicht.
Meine neuen Freunde zeigten mir, wie man vor den Erwachsenen so tut als würde man Limonade trinken, obwohl wir auch Wein im Glas hatten. Als sich anfing alles um mich herum zu drehen, bekam ich einen Lachkrampf, dass ich mich verschluckte und ein wenig in die Hosen machte, doch das störte dort keinen, ihre Hosen sahen auch nicht besser aus.
Ich trocknete mich am Feuer und beobachtete meine Mutter, die meinen Vater wieder so ansah, als er Gitarre spielte und mit dem Zigeunerbaron um die Wette sang. Als sie mit den Frauen tanzte, klebten ihre Haare an ihrem glühenden Gesicht. Ihr T-Shirt hatte sie unter der Brust verknotet und ihr Rock wirbelte höher und weiter und nicht nur mein Vater lächelte sie so an, wie ich immer in den Bonbonladen lächelte.
Tellergroße Sterne beleuchteten unseren Schlaf als wir alle im Stroh lagen und ich träumte davon für alle Zeiten mit den Zigeunern zu leben und Limonade zu trinken und meinen Eltern dabei zuzusehen, wie sie sich ansahen. Ich wollte nie wieder in die Stadt zurück ich wollte hier bleiben und auch ein Zigeuner werden.
Am sechsten Tag weckten sie mich noch vor Sonnenaufgang und hielten mir
den Mund zu. Meine Mutter hatte große, ängstliche Augen und sah sich immer wieder um. Mein Vater zog mich hoch, nahm mich auf die Arme und noch ehe ich protestieren konnte, waren wir schon Hunderte Meter weit gerannt. Als ich zurückblickte sah ich nur die Sterne und den hellen Fleck des verglühenden Feuers.
Ich befreite mich aus den Armen meines Vaters und tobte und schrie und meine Eltern sahen auf mich herab, wie ich immer auf meine Puppe herab sah, wenn ich ihr den Kopf abschlug und ihr mit der Schere die Haare verwüstete.
Später, viel später, erzählte mir meine Mutter, dass sie uns sonst nicht mehr weggelassen hätten.
Dann waren wir wieder in der Stadt. Mein Vater ging früh aus dem Haus und kam erst nachts wieder. Meine Mutter saß sehr oft in der Küche und sah zum Fenster heraus. Mein Vater sprach viel von arbeiten aber sie konnte die Sprache nicht so gut und lächelte viel aber ihre Augen taten es bald nicht mehr. Mein Vater brachte nachts immer viele Leute mit, die sehr laut waren und Lieder sangen. Aber sie sangen nicht so wie die Zigeuner und die Limonade die sie tranken war weiß und nicht rot. Ich sah sie durchs Schlüsselloch, wie sie tanzten und irgendwann umfielen.
Meine Mutter stand dann immer auf und redete leise mit meinem Vater, doch da wurde er jedes Mal laut und sagte sie solle ins Bett gehen. Es wurde kalt draußen und auch drinnen wurde es das. Meine Mutter sah meinen Vater immer seltener so an wie ich den Bonbonladen und mein Vater sah sie fast gar nicht mehr an. Eines Tages hörte ich sie in der Küche weinen. Es war schon dunkel draußen und ich sollte im Bett sein. Aber ich ging zu ihr hin und hielt sie ganz fest. Sie streichelte mir über den Kopf und küsste meine Wangen. „Ich hab dich sehr lieb!“, sagte sie immer wieder und weinte noch mehr. „Warum weinst du dann“, fragte ich sie, „bist du auch traurig, dass wir nicht mehr bei den Zigeunern sind?“ Sie sah mich lange mit dicken, roten Augen an und nickte. „Ja,“ sagte sie und zog mich zu sich, „darüber bin ich auch sehr, sehr traurig.“
„Dann lass uns wieder hingehen!“, ich meinte es todernst und sah sie fest an. „Das geht doch nicht!“, sie schüttelte den Kopf und blickte aus dem Fenster. „Doch, das geht!“ Ich ging entschlossen in mein Bett zurück und fasste meinen Plan. Ich würde zurückgehen und wenn meine Eltern nicht mitwollten, dann ging ich eben allein.
Ich schlief die ganze Nacht nicht und packte am nächsten Morgen leise meinen kleinen Rucksack. Auf Zehenspitzen ging ich zur Haustür und ließ sie so leise wie möglich ins Schloss fallen. Dann rannte ich auf die Straße als ginge es um mein Leben. Ich rannte und rannte und rannte, an mir flogen Häuser vorbei und Geschäfte und Menschen mit mürrischen Gesichtern und Straßenbahnen und Taxis und Lichter und ich jagte an ihnen vorbei wie der Blitz. Vor mir sah ich den Zigeunerbaron mit seinen goldenen Zähnen, wie er mich anlachte und den Jungen mit der Schleuder, der mit mir ums Feuer tanzte und die Frauen mit den Zahnlücken, die mich an ihren dicken Busen drückten und mir fast die Luft abschnürten und den Esel den ich reiten würde und die Ziegen die ich auch reiten würde und all die Menschen, die ich lieb gewonnen hatte, von denen ich nie wieder wegwollte, trieben mich an auf meinem Weg zum Bahnhof.
Dem Mann am Schalter sagte ich, dass ich zur Donau wolle, dort wo die Zigeuner leben. Er lachte mich aus. Dann ging alles sehr schnell. Er wollte die Namen meiner Eltern und kurz darauf saß ich auf einer Bank und sah beide auf mich zurennen.
Meine Mutter hatte wieder diese roten Augen und mein Vater sah so böse aus wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er schüttelte mich, meine Mutter schüttelte ihn und am Ende stand ich da und sah beiden zu wie sie sich schüttelten und anschrieen. Als wir drei schweigend nach Hause gingen, wusste ich, das etwas endgültig zerbrochen war.
Jetzt sitze ich nach einem Viertel Jahrhundert an meinem Schreibtisch und frage mich, was gewesen wäre, wenn uns die Zigeuner nicht mehr weggelassen hätten.
Wir wären nicht in die Stadt zurückgekehrt. Meine Mutter hätte nicht diesen Blick verloren, mit dem sie meinen Vater immer so ansah, als gebe es nichts schöneres auf der Welt. Mein Vater wäre der beste Bierdosenschütze und Feuerläufer geworden und ich hätte ihm nicht im tiefsten Winter hinterhergeblickt, wie man eben als Siebenjährige einem Vater hinterher blickt, aus einem fahrenden Zug, der in ein anderes Land fährt, der sich immer weiter entfernt und alles was man liebt schrumpfen lässt bis auf die Größe einer Erbse, solange bis auch die verschwunden ist.
(veröffentlicht im Mai 2009 Anthologie "Risse im Beton, das beste aus dem MDR-Literaturwettbewerb", Hrsg. Michael Hametner)
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Auf nüchternen Magen, die Erinnerung
Ich sitze an meinem Küchentisch und bin entsetzlich schlecht gelaunt.
Es ist 9 Uhr.
Die Sonne steht dort, wo sie stehen soll, um einen hellen, warmen Tag anzukündigen. Die Geräusche der Straße entfalten sich wie ein Fächer, der Stück für Stück sein prächtiges Innenleben preisgibt.
Kinder kreischen. Hunde bellen. Türen schlagen. Ein Auto hupt.
Jemand flucht.
Alles wie gehabt. Alles wie es sein soll. Alles in bester Ordnung.
Ich stütze den Kopf in beide Hände und blicke zur Tür.
Langsam, wie von einem Windhauch bewegt, öffnet sie sich. Erst eine Handbreit, dann einen größeren Spalt, bis sie mit einem Mal weit offen steht. Ein eigenartiges Licht fällt durch die Öffnung. Als hätte es Substanz, Masse, eine Definition. Mit einem letzten Ruck springt die Tür auf und stößt an die Wand. Das Radio springt an, das Licht erhellt die Küche und meine Großmutter kommt herein. Sie hat ihr geblümtes Nachthemd an und eine braune Strickjacke darüber geworfen. Ihre schulterlangen, grauen Haare hat sie links und rechts mit zwei Klammern festgesteckt, auf der Nase trägt sie ihre Hornbrille.
Sie kommt auf mich zu, nimmt mein Gesicht in ihre weichen Hände und küsst mich auf die Wangen. „Du siehst furchtbar aus mein Kind, du musst was essen!“ Aus dem Kühlschrank holt sie Schafskäse, Tomaten und Brot. „Soll ich einen Kaffee machen?“
Ich nicke und sehe ihr zu.
„Was wollen wir heute kochen? Gefüllte Paprika? Weinblätter oder Hackbällchensuppe? Die Suppe magst du doch so gern!“ Sie lächelt mich über ihre Brille an. „Die Suppe“, sage ich und lege meinen Kopf auf die verschränkten Arme. „Dann hol schon mal die Zwiebeln, ich schäle die Möhren!“, zwitschert sie. Ich rühre mich nicht von der Stelle.
Mit einem lauten Knall stößt die Tür ein weiteres Mal an die Wand. Mein Vater kommt herein.
Er öffnet den Küchenschrank, holt ein Päckchen Aspirin heraus, reißt es auf und lässt die Tablette in ein Glas fallen. Dann geht er zum Wasserhahn und gießt es voll.
Er trinkt es in einem Zug aus. Er hat seinen Bademantel an. Den blau-rot gestreiften. An seinen Füßen stecken die ausgetretenen Pantoffeln. Er seufzt einen Seufzer, der von ganz tief unten kommt. „Oh Mann! Ich fühle mich, als hätten hundert Soldaten in meinem Mund übernachtet!“, dann sieht er mich über den Rand seiner Brille an. „Kind! Warum siehst du so entsetzlich schlecht gelaunt aus? Hat dir jemand dein Frühstück geklaut?! Hast du in einer Bärenhöhle übernachtet? Was ist los? Wo sind die Würstchen?“
„Im Kühlschrank“, sage ich und wische mir die Augen. Er holt sich einen Teller mit Würstchen und setzt sich mir gegenüber an den Tisch.
Neben ihm sitzt meine Großmutter, sie schält Möhren.
„Wir müssen den Reis putzen!“, sagt sie und schiebt ihre Brille hoch.
Mein Vater kaut Würstchen, dabei sieht er an mir vorbei zum Fenster hinaus. „Sieh dir das an! Das wird ein wunderschöner Tag!
Die Hausdächer glänzen, die Vögel singen, die Menschen sind fröhlich!“,
er lacht ausgelassen. „Und du hast einen Kater! Schäm dich!“
Ich rauche eine Zigarette und nippe am Kaffee.
Er brennt auf meiner Zunge.
„Warum habt ihr mich verlassen?“, frage ich und stelle die Tasse auf den Unterteller. Er klirrt. Meine Großmutter lässt die Möhren fallen. Mein Vater legt das Würstchen auf den Tisch.
An dieser Stelle bleibt der Film immer stecken. Als warteten die Schauspieler auf ihren Text.
„Schäm dich!“, sagt mein Vater.
„Hier bekommt man nur schlechten Reis!“, sagt meine Großmutter.
Sie sehen aus wie Marionetten, deren Fäden durchhängen, als hätte sie der Fadenzieher vergessen.
Er hat sie vergessen. Nur ich kann es nicht.
„Ich muss jetzt gehen“, sage ich und drücke die Zigarette aus.
„Zieh dir eine warme Jacke an!“, meine Großmutter sieht besorgt durch ihre Bernsteinaugen.
Mein Vater lächelt, seine Lippen glänzen.
„Bis morgen!“, sage ich und verlasse die Wohnung.
Auf der Straße tobt das Leben. Ich trete aus der Haustür und richte den Blick zu meinem Küchenfenster. Dort stehen sie beide und drücken ihre Nasen an die Scheibe. Sie sehen aus wie traurige Geister, die gefangen sind zwischen dem Ende meiner Nacht und dem Anfang meines Tages.
Eines Tages werde ich sie ziehen lassen.
Eines Tages, wenn ich wieder frühstücken kann, wie andere Leute auch.
(veröffentlicht Juni 2009,Fürther Nachrichten/Thema Frühstück)
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Coda
Wenn es nur regnen würde. Das wäre eine klare Aussage. Doch es regnet nicht. Stattdessen flimmert Sonnenschein durch die Fenster, als ich in seiner Wohnung sitze, in der es keine Schatten gibt. Das ist dein Zuhause, sagte er.
Ich bin das erste Mal hier. Nach vielen Jahren wieder in dieser Stadt.
Das ist dein Zuhause, sagte er zu vielen Frauen.
Es war früher Abend, als sie mich anriefen. Ich saß vor meinem Fenster und aß Tomaten. Ich aß Tomaten und dachte an den Frühling, der im Begriff war meine Stadt mit rotem Gold zu überziehen, da riefen sie mich an.
Ihr Vater hat vor zwei Stunden sein Leben ausgehaucht.
Ich verschluckte mich an der Tomate, die nach Wasser schmeckte. Nach klarem, kaltem Wasser. Ich verschluckte mich an ihren Samen, die in meiner Kehle wirbelten, sich verirrten und in meiner Luftröhre starben.
Sein Leben ausgehaucht.
Wie sie das sagten, klang es weich nach verirrten Wellen, die das Meer zu sich zurückruft.
Das war vor einer Woche. Jetzt sitze ich in seiner Wohnung auf seinem Sofa und starre seinen Fußboden an. Kaltes Beige. Er war ein Botschafter der Worte für dieses Land, das mir fremd ist, in dem ich so lange nicht mehr war. Ich denke nur: Er war mein Vater.
Für mich hatte er keine Worte. Er hat mich nie gerufen.
Nicht einmal vor seinem Tod.
Hast du gewartet?
Es klingelt. Leute betreten die Wohnung. Seine Freunde, seine letzte Liebe, wie sie sagt. Seine einzige Liebe waren die Worte, denke ich, und spüle den Gedanken mit seinem Whisky hinunter. Sie stehen und betrachten seine Wohnung, als gehörte sie nun nicht mehr ihm. Betrachten mich wie ein vergessenes Möbelstück.
Ich folge ihnen mit tauben Füßen.
In einem Raum, den ein Berg füllen könnte, steht der Sarg. Darüber hängt sein Porträt. Mein Magen zieht sich in die Eingeweide zurück, um nach ungezählten Kilometern zurückzuschnellen, wie von einem Katapult geschossen. Mein Gesicht ist so nass, dass ich nichts sehe, ich stolpere am Sarg vorbei.
Ich schüttle Hände. Neben mir schüttelt seine letzte Liebe Hände.
Ihr Gesicht ist nass. Neben ihr schüttelt ihr Sohn Hände. Sein Gesicht ist nass. Ein großer Verlust für uns alle, sagt er in die Gesichter, die zu den Händen gehören. Er ist Achtzehn. Ich sehe ihn das erste Mal. Jemand sollte ihm den Hintern versohlen.
Ich möchte mich zu meinem Vater legen. Ich will zu ihm, ihn umarmen, wie eine Tochter den Vater umarmt, eine letzte Zigarette rauchen und ihm sagen: Das ist dein schlechtester Scherz. Doch er machte nie Scherze.
Ich schüttle Hände, deren Gesichter mir sagen, sie waren beste Freunde. Seine letzte Liebe lächelt.
Ich schweige. Ihr Sohn trägt eine schwarze Sonnenbrille. Es ist kalt.
Meine Gedanken springen wie Gummibälle zwischen zu engen Wänden. Vor dem Eingang eine Taube, die nicht weiß wohin zwischen all den Füßen. Sein Lachen springt mich an. Wie ein wildes Tier aus dem Schutz der Dunkelheit. So lachte er nach drei Gläsern Whisky, wenn er mein Haar zerwühlte und mich an sich drückte. Wir hatten zu wenig Zeit.
In der Kirche sind alle im Halbkreis versammelt. Der Pope schwenkt Weihrauch und singt ein Lied von Vergebung und Ewigkeit.
Warum lässt du mich allein zwischen all diesen Fremden?
Bekreuzigungen, Blumen auf dem Sarg, wieder Händeschütteln.
Meine Fingernägel verkürzen sich bei jedem neuen Händedruck. Herrenlose Hunde streunen auf dem Friedhof. Werfen sehnsüchtige Blicke zu den Leuten hin, die Brot und Weizen auf das Grab legen.
Kerzenwachs verbrennt meine Finger.
Du hattest immer Heimweh. Jetzt nicht mehr. Ich sehe in den Himmel, dorthin, wo dein Geist weiterlebt, wie der Pope sagt.
Mein Blick verirrt sich in den Wolken.
Die Augen des Totengräbers fallen mich an.
Sein Blick durchbohrt mich mit der Kraft eines Stahlpfeilers. Ich schwanke zurück. Ebenmäßige Züge, wie glattpolierter Marmor. Fest auf seine Schaufel gestützt, sieht er mich an wie eine frisch enthüllte Statue. Er ist der Einzige, der mich bemerkt. Ich sehe weg. Folge den Spuren der Hunde. Sehe wieder hin. Der Pope singt. Wind weht und zerrt an seinem Talar, an meinen Haaren. Ich sehe den Totengräber und brauche seinen Blick, der nicht ablässt von mir. Ich trete aus mir heraus und gehe zu ihm, während die Anderen fortfahren zu sprechen, zu weinen, zu beten.
Er legt mir den Zeigefinger auf den Mund. Meine Lippen berühren die raue Haut. Von meinen Wangen fließen Tropfen, die in seinen Handteller fallen, eine Schale ohne Grund. Sein Kuss ist salzig, sauer und nass, wie die Erde, in die sie meinen Vater legen.
Zwei große Hände halten mein Gesicht. Hände, die Tote begraben.
Sie halten mich und zwingen mich in die Knie. Ich werde zu Wasser, das willenlos durch Lehm fließt, von einer fernen Kraft gelenkt. Er hebt seinen Schoß in meinen. Eine Brücke zwischen Atem und Fall. Ich lebe. Ich atme. Ich wiege mich im harten Rhythmus der Endlichkeit.
Der Pope singt und versprüht Weihrauch. Die Anwesenden antworten ihm einstimmig, sie sehen zu Boden, verstecken ihre Tränen hinter Blumen, hinter Kerzen, hinter Gleichgültigkeit.
Sieh her Vater, ein letztes Aufbegehren, siehst du mich? Jetzt, wo keine Grenzen dich mehr aufhalten? Ich ficke deinen Totengräber und blicke dich an. Wir werden uns nie wieder sehen. Gib mich frei, gib mich frei.
Zerfetzte Wolken jagen sich am Himmel. Welche Vögel haben sie zerhackt? Adler? Geier?
Der Totengräber schaufelt Erde in dein Grab. Unangetastet, unberührt.
Ich stehe am Rand und sehe hinein. Meine Angriffe waren immer zu klein für dich. Sieh her, die Ameise, die dein mächtiges Bein kratzte, weint um dich.
Alles, was ich war, liegt neben dir. Das, was ich werde, erhebt sich über dich. Das, was ich werde, tragen die Lüfte davon, in mein Land, in meine Stadt, in mein Leben, das ohne Maß und Zügel zu dem wird, was ich allein im Stande bin zu formen. Dein letzter Lebenshauch gibt mir die Sporen, die mich antreiben mir jeden Irrtum zu erlauben, bis das Meer mich in seine Tiefen zurückruft.
Der Friedhof verwaist. Die Lebenden gehen nach Hause. Deine letzte Liebe zündet Kerzen an vor deinem Bild. Deine Freunde betrinken sich.
Ich fliege davon und denke an die Hunde, die von nun an dein Grab umkreisen, ohne dass sie jemand stört.
(veröffentlicht auf e-storys.de/Abschied)
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