Gedichte von Nicole Paskow



2000 Jahre


Könnt' ich die Flüsse mit Tränen anfeuern und heulend die Zeiger
der Uhren zerbrechen, ich tät es,
nur um zu sehen wohin wir denn eilen so unbeirrt in treibendem Takt.
Könnte ich Glocken schlagen mit fünfzig Armen und Planeten
durchbohren mit eisernen Blitzen,
ich tät es, nur um zu sehen, wann die Einsicht kommt mit
gesprungenen Lippen und wundverbunden das träumende
Herz.

So viel Raum in dieser Welt.
Könnte ich schreien vor Zorn in einer leeren Menschenmenge,
könnt' ich mir die Stimme zerreißen und sie an Kirchtürme
binden die im Himmel stecken, ich tät es, um die eine Antwort,
ein Gleichnis in Dur, einen kosmischen Nadelstich,
um den leblosen Kuss der Ewigkeit.
So viel Raum für Tod, soviel Schlacht ums Überleben.
Der fünfzehnäugige Kopf der Media erklärt uns die Lage in Lettern
gemeißelt die von Wänden tropfen, in unsere Köpfe sickern und
wiederhallen, die wir ausspucken wie unverdautes Blut, Antwort um
Antwort werden alle Fragen verbarrikadiert und dumpf blicken wir
auf die versunkenen Kreuze unserer verblassten Vergangenheit,
die verschwindet im schwarzen Trichter versiegter Erinnerung.

Doch zuweilen bin ich es müde ein Mensch zu sein und trete ein in den
ziellosen Schwarm, der dahintreibt im Wasser von Ursprung und Asche.

^

 

Midlife Reality

Sein dünnes Haar gewellt,
verdeckt nicht das Glänzen
fettiger Haut
auf dem Dach seiner Gedanken.
Sein trübes Auge
versucht bewusst zu verführen
und ersäuft im Wasser der Erinnerung
an jungenhafte Zeiten.
Die Schlange beißt nicht mehr,
auch wenn er sie noch so lange schüttelt.

^


Die Folgen der Leblosigkeit

Kamikaze in die Nacht
Bruchlandung in den Morgen.
Dann folgt der Märtyrertod:
Erst das Herz,
dann die Stimme,
zuletzt der Kopf,
zersplittert unverstanden
in Stückchen alten Krauts
auf dem weißen Tischtuch
wohlgehüteter Ängstlichkeiten.

^




Die tiefste Qualität

Meine Seele
wurde ertränkt
in einem tiefen Meer
aus Licht.
Meine Wunden
wurden versteckt,
in einem stillen See
aus Dunkelheit.
Meine Freude wurde
erhascht
in einem Wolkenschlund
von Nichts.
Traurigkeit schwebt
ü ber Allem.
Wir erleben nichts
als die Zeit,
die uns verschlingt
und wiedergeboren
wird nur das Negativ
einer erhabenen Empfindung,
beraubt ihrer tiefsten
Qualität -
der Lebendigkeit.

^


Alpha & Omega

Ein Mann war ich
Und auch schon eine Frau,
ich war alt, bin auch schon
jung gestorben,
habe geliebt, vergessen,
geknechtet und versklavt,
bin getreten, verstoßen und
verlassen worden,
ich habe das Mark der Erde
mit Händen gelöffelt und
Wolkenberge in vollem Lauf
zerrissen,
geflogen bin ich
mit eisigen Lüften, habe mir am
Wüstensand die Zähne ausgebissen –
ein Anfang und ein Ende
war nirgendwo zu finden und zu
trauen immer nur dem Augenblick –
und das ist es was übrig bleibt von
dir und mir:
ein Augenblick, der immer wiederkehrt
bis Gott die Augen schließt.


^



Berührung

Vernetztes Tuch aus Seide
bedeckst die kühle Haut.
Gewebt aus dunkelblauer Freude
der zarten Wölbung anvertraut.

Ein Wimpernschlag

hindurch scheint hell das Augenlicht
in ungerichtetem Entrücken,
ein Tropfen sich an roter Spitze bricht,
perlt ab in wohligem Entzücken
.

^



Spiegelbild

Ich sehe mich an im Spiegel
falle in zwei Augen
die mich anstarren wie
ein geistesabwesendes Kind
und fühle ein gläsernes Nichts.
Eines Tages vergaß ich mich im
Zug von Südost nach Norden und
kam ohne mich an in der Dämmerung
einer haltlosen Zeit.
Seither falle ich durch mein Leben
suche mich in Euren Augen, Euren
Mündern, Gesten, Umarmungen, Küssen,
in den Bäumen, den Blättern, im Wind...
Suche durch den Atem der Welt, meinen
Lebenshauch zu imitieren.
Wo bin ich nur?
Niemand hat mich je gesehen.
Ich existiere nur im Spiegel fremder Augen,
die durch mich hindurchsehen.


^


Hermetische Liebe

Wie eine räudige Hündin
hetze ich durch die Straßen,
deine Fährte in der Nase,
deinen Geruch zwischen den Beinen.
Ich jage und schnüffle mich zu deiner Tür
die mir verschlossen bleibt
aus einem einzigen Grund:

Du kennst mich nicht.

ich belle dich an, halte dich fern
von mir, fletsche die Zähne:

Hau ab - verpiss dich!

Nur damit du nicht erkennst,
wie sehr ich dich inhaliere,
schmecke, rieche, wie groß
der Raum ist in mir
für dich.
So liebe ich dich schmerzlich,
rein von dir und deiner Wirklichkeit
die uns nur trennen würde.


^


Wo niemand ihn findet

Ich fang sie auf
die Tropfen deiner Stirn,
die Tränen deiner Haut,
die Perlen deiner Augen,
Ich streiche ein,
dein lächelndes Gesicht,
dein trotzig stures Haar,
den Windhauch deiner Gesten.

Ich fange auf und streiche ein
und packe einen Koffer,
um ihn zu versenken wo niemand
ihn findet
.

^



Trugschluss

Sie liegt schlafend im Bett
das ergeben ihre matten Glieder
trägt und träumt von
Brad Pitt.

Denkt er

Er liegt schlafend im Bett
das ächzend seine schweren
Knochen hält und träumt von
schmutzigem Sex.

Denkt sie

so einfach ist das aber nicht:
in Wahrheit

träumt er sich zu ihr,
als sie noch sie selbst war
und sie träumt sich zu ihm,
als er noch der war für den
sie ihn hielt und

außerdem

schläft keiner von beiden,
sie starren jeder in seine Richtung
ins Dunkel und wünschen sich
eine Lüge.


^






Rausch

Ich will immer auf Opium sein
und euch um mich scharen
meine gesichtslosen Freunde
in den kühlen Stunden meiner
Vorfrühlingsträume

will ich immer besoffen sein
und mich drehen in der wärmenden
Sonne einer lautlosen Weise
und mir schön saufen was die
Welt nicht ist.

Berauscht will ich immer sein
damit der Mond mir nicht
als lebloser Trabant am
Himmel erscheint, der ein
treibendes Gegenstück hat
das ihn erleuchtet.

Ach, gäbe es ein Schild aus
Eisen, das meinen sengenden
Blick durchschneidet der alles
durchschaut und mir die
Illusionen raubt.


^


Nach Hause weit weg

Die Pappeln meiner Kindheit
wiegen sich
still im Sommerwind.

Hinter dem Fenster
meine achtjährigen Augen,
gekettet an den Bahnhof der

schmiegt sich an den Horizont
rötlilch schimmernd
in der Abendsonne.

Menschen in Zügen
kommen an, fahren weg:
Lachen und Tränen.

Als Zugführer - meine Gedanken
wünsche mich an ihre Seite:
endlich ankommen oder wegfahren.


^

 



Gelegenheit zu verschwinden

Liegend,
auf dem Holzboden
mit Fingernägeln
die Ritzen schabend,
eine Hand stützt die Stirn
das Glas kippt um.
Flüsse aus Wein sickern
ins Dunkel -
ich springe hinein


^


Schlechter Tag

Die Haare strähnig
baumeln um die Schultern
abgebrochen
der Absatz,
zwingt sie zu humpeln.
Fahrrad kaputt,
lässt sich nur schieben.
Regen prasselt,
sieht man nicht das Heulen,
kein Geld mehr für Essen,
die Zigaretten nass,
das Dach über dem Kopf
weit weg.


^






Kategorie

Er ist nur ein Kellner,
dachte sie,
als er ihr lächelnd
einschenkte,

seine warme Hand
beim Abschied,
rührte ihr Herz.
Im Preis inbegriffen,
dachte sie
und ging


^


Dunkle Gefährtin (für S.)

Blinde Fenster vom Rauch verhangen
dein schlafendes Haar von Träumen
durchwebt.
Dunkle Gefährtin
durch lichtarme Zeiten
am Abgrund getaumelt
in tieferes Land.

Rauschende Stille
vom Pulsschlag begleitet,
dein Flug durch die Nacht,
von Schatten bewacht.
Fiebernde Stimmen die dich
entreißen,
mein Ruf erstirbt-
ich folge dir nach.

^



Der alte Schauspieler

Der alte Schauspieler saß ganz verzweifelt,
in der Ecke einer Bar.
Er wollte, dass ihm endlich einfällt,
warum er so von Sinnen war.

Die Vorstellung lief wieder gut,
er war wie jeden Tag phantastisch!
Das Publikum bezahlte gut, und sagte
- Sie! Sie spielen diese Rolle wirklich plastisch! -

Er lächelte dann jedes Mal
und biss sich auf die Lippen,
- Das große Lob wird schal-,
so dachte er und ging alleine einen kippen.

Hasse ich mein Publikum?
Ist es das, woran ich leide?
Was wäre, wenn ich es mal anders machte,
ganz verkehrt herum, wenn ich gut zu sein und richtig,
einfach ganz vermeide?

Am nächsten Abend kamen sie,
sie hatten viel von ihm gehört,
wie jeden Abend ins Theater.
Sie sagten, sein Talent sei unerhört,
er spiele großartig, der alte Kater.

Als sich der Vorhang hob, trat er nach vorn.
Im Gesicht war er ganz weiß.
Er sprach sehr leise, doch ganz deutlich,
das Publikum war jetzt noch freundlich,
und spitzte seine Ohr'n :

„Was wäre, wenn ich euch auf die Perücken scheiß’?
Würdet ihr mich dann noch immer lieben?
Wenn ihr zusammenbrecht unter den Hieben
meiner ausgeschissenen Verlorenheit?
Wärt ihr immer noch bereit, mir Lobzuhudeln,
mir zu schmeicheln, die Herren, die gut munkeln
und die Damen, die mich an ihrem Busen schunkeln?

Ha! Ihr seid ein langweiliger Haufen, ihr könnt nur
Vögeln, schwatzen, saufen! Und die Kultur ist
Sahnehaube, die ich mir jetzt gleich erlaube,
in eure Lackgesichter zu verteilen, dann werde ich
- als wär’ ich nie gewesen, was ich bin -
zum Ausgang eilen.

Es war ganz still. Von hinten konnte man
Gelächter hören. War das jetzt Spiel oder
ganz echt, darauf wollte keiner schwören,
und niemand wusste recht, was jetzt noch
folgen sollte.

Der alte Schauspieler, der völlig haltlos schien,
holte nun schnell sein nacktes Horn heraus.
und suchte sich aus allen Winkeln diesen aus,
der ihm am besten schien, die Leute
in der ersten Reihe voll zu pinkeln.
Dann machte er sich aus dem Staub.

Das Lob, das dann erklang,
hörte man noch tagelang
durch jede Zeitung jagen.
Moderne Avantgarde! Reale Kunst!
Wie fiel ihm das nur ein?
So schrieben sie im Zigarettendunst
und stellten seine jähe Pinkellust
in einen künstlerischen Schrein.

Doch was geschah mit unserm Mann?

Der ging, sobald er auf der Straße war,
schnurstracks und ohne nachzudenken,
zu der stadtbekannten Domina.
dort ließ er sich an Füßen und an Händen
schwer in Ketten legen.
Er wollte, eingeschnürt, geknebelt, wie er war,
kein Fingerchen mehr regen.

Als sie endlich mit ihm fertig war,
lag er eingewickelt da, in Folie und Plastik.
Er rief – Wie ist das wunderbar-
und gleich darauf in dummer Trauer
- Was habe ich nur Zeit verschwendet,
Applaus ist eine Mauer, aber tief in mir
der Schmerz, er schickt mich ohne
dass die Lust je endet, ewig himmelwärts. -

Ab diesem Zeitpunkt sah man ihn
nur noch als Sklave um die Häuser zieh’ n.
Mit einem immer gleichen Lächeln.
Und wenn man an der Leine zieht,
die er nun ständig um den Hals gebunden hält,
dann fängt er, ohne dass er bellt
wie ein Hündchen an zu hecheln.

Glücklich ist er, ohne Frage, und predigt
seit dem alle Tage - Es ist nie zu spät
seine Passion zu finden, sei es
Fußball oder Blumen binden, und man
sollte sich nicht ewig schinden bis man
tut, was einem selbst gefällt, und nicht
mehr fragt - Gefällt’ s der Welt?

^

Mila Baba

Heute Nacht träumte ich
von deinem grauen Haar
und deinem leisen Lachen,
wachte auf mit sanfter Stirn,
warm berührt von deiner Hand.

Mit sommerbunten Schürzen
seh ich dich in deiner Küche,
deren Reichtum unermesslich war,
wie die Klugheit deiner Worte
zwischen Banitza und Paprika.

Könnt ich einmal noch
in deine nimmermüden Arme
fallen, die wie ein Schutzschild
vor allem Übel mich bewahrt
in deinen tiefen Blick versinken
voll Liebe, Schmerz und Einsamkeit.

Immer wieder werde ich dich finden
in meiner nachtgeschwärzten Seele,
in meinem trauervollen Herz,
das dir immer Heimat war.

^





Fucked up

Entfesselt
in der tragikomischen Irrnis
deiner tiefsitzenden Gedanken.
Erlegt,
zwischen deinen Fingerkuppen
die sich ihren Weg bahnen zu den
bebenden Tautropfen meiner integren
Augenblicklichkeit.
Gekreuzigt,
zwischen naiver Hoffnung und
gebügeltem Galgenhumor
und deine Zunge
die unmoralisch meine Wirbelsäule begleitet
wird mein strammes Rückrat nicht brechen
das sich nur biegt
um dir mein Wertvollstes
zu präsentieren.


^





Reingewaschen

Junger Frühlingsregen
hämmert auf meine Schultern
fließt die Arme hinab
kühl durchdringend
die Erinnerung
an all die toten Winterküsse
von dir, von ihm und ihm und...
meine Haut ist rosig und nass
keine Spuren zu sehen
die Lippen rubin und unberührt
Küsse die Luft zwischen den Tropfen
denke an nichts mehr als an das
Trommeln rings umher,
schmecke den Regen und fange an
die Wirklichkeit zu lieben


^


Schau=Spiel

Mit enger Pupille
blicke ich tief in dich hinein,
schlage ein Bein
über das andere,
lehne mich zurück und
begleite Rauchkringel blasend
dein zuckendes Schwert,
das triumphierend
in ihre weiche Wunde schlitzt,
im Dunkel verschwindet,
wieder auftaucht,
verschwindet,
wieder auftaucht.
Mit jedem Stoß blickst du tief
in mich hinein,
schlagen ihre Laute Wellen,
legst dich in sie rein und
begleitest meinen kurzen Atem
mit weiter Pupille,
wie ich auf den Wellen reite
bewegungslos
und hast mich
in der Hand
die sie zu spüren bekommt.

^







Araneus

Du bist in meinem Wurzelwerk gefangen,
ich hab dich stolpern und dich fallen sehn
Du bist mir in mein Dornennetz gegangen
jetzt lass ich dich, mein Fischlein,
nicht mehr gehn

Wie schön du zappelst, rappelst und
dich windest, rollst mit den Augen
und weißt nicht wohin
wie schön du sabbelst, brabbelst,
keinen Ausweg findest
du bist für meine Lust der Hauptgewinn

Mit scharfen Zähnen, Krallen und Metallen
mal dir ein rotes Bildnis auf den Leib
Halt still! Beweg dich nicht! Mein Liebling,
wenn ich mein Gift in deine Wunden reib

Für immer sollst du meinen Namen tragen
In Stirn gemeißelt, meine Liebesspur
Kein Laut soll deiner Kehle mehr entweichen
nach deinem letzten Treueschwur

Du bist in meinem Wurzelwerk gefangen
Ich hab dich stolpern und dich fallen sehn
Du bist mir in mein Dornennetz gegangen
Ich lass dich niemals mehr,
mein Fischlein, gehn

^



Erwachen

Hinter dichten Wolken
schlafen Frühlingssonnen
unbedeckt und warm.
Noch rührt dein Drängen nicht
an ihren trägen Traum,
doch öffnen sich die Fenster
deiner schweren Augen
geben deinem Blick allmählich
Raum für den Abdruck der
Wahrhaftigkeit die schwankend
auf den Kopf gestellt
durch deine Adern schießt.
Ins rechte Morgenlicht gerückt
erkennst du deine Gegenwehr
die aus jenen alten Stunden fließ,t
die deinen Namen tragen,
öffnest zögernd deine Hand
in die genau ein Leben passt
und richtest dir ein Nest darin
das deine ganze Welt umfasst
und wartest nun auf gar nichts mehr.

^



Eitelkeit vs Introspektion

Dir selbst ein Fühlen
vorgaukelnd,
das alles Schweigen
deines Inneren bedeckt.
Mit prallen Früchten
fremder Phantasien,
malst dir auf Stelzen gehend
einen weiten Horizont
und ignorierst den sterbenden
Grashalm zu deinen
schwankenden Füßen.


^

Nachtgebahren

Ich liege Nacht
für Nacht wach
bohre Löcher in
Tapete oder sowas
ähnliches
aber sie
spürt ja nichts
oder
gibt es bereits
f ühlende Tapete?

Dann wäre meine
eher masochistischer Natur
sie sagt ja nichts
und brennt doch jede
Nacht.

Wie auch immer -
Wachliegen
Nägelkauen
in Gedanken sind es
deine Lippen
aufgetürmt zu
Wolken.

Mond scheint herein
unterhält mit
meinen blanken
Brüsten
ein einseitiges Gespräch
es passiert
wie immer
nichts

Ich überfalle nicht
um 2 Uhr morgens
meinen Kühlschrank
wie andere
ich überfalle dich
in deinen Träumen
und hoffe
ein bisschen
dass du die Nacht
überlebst

^

Heim-gesucht

- Deine Turnschuhe passen
nicht zu deinem Gesicht -

Was besseres fällt mir
nicht ein an Kritik-
du lächelst nur
und ziehst mich
zu dir hinab -
oder hinauf?

Wie war das mit den Richtungen?
Ich weiß nicht mehr seit du da bist
bin ich überall

Du weißt ein schönes Spiel
Ja!
deine Barthaare kitzeln mich
wach
seit du da bist bin ich eins
mit meinem Lustorgan
ich weiß nicht
schön
bist du eigentlich nicht

Es muss doch noch was anderes geben
oder?
Aber erst mit 60 -
sagt meine Mutter und legt sich
weise ins Zeug -
soll er doch mit 18-jährigen-
MIR ist das egal -
die kriegt er eh nicht mehr-
aber das nur am Rande

Bleib noch ein bisschen
ich spiel auch mit
bis ich erwachsen bin
und dich an Jüngere verschenke

^


Der Mann mit der Pflanzelanze

Niemals dich erkennen in der
Straßenmenge
schwach beleuchtet, voller Schatten
deine Existenz
keine Stimme, die nach
meinem Namen trachtet
auch kein Blick
in meinem Blick versenkt.

Nur durch Worte, einzig
schaffst du eine Welt,
die mich umschließt und
sicher trägt
bist mir Schiff und Segel
durch die Nacht
die aller Sinne doch beraubt
deine Nähe greifbar werden lässt.

^

Ich gehöre in den Weltraum

Aus der Schwerelosigkeit
bin ich geboren
hineingezwängt in
irdische Enge, Maß und Norm
Mit dem einzigen Ziel -
die Hüllen zu sprengen
und nach Hause finden
Am Ende einer langen
Katharsis.

^



Das Ende einer Illusion

Eine Leiter
an den Jupiter gelehnt
Sprosse für Sprosse
haben wir sie erklommen
und sind abgestürzt
knapp
unter den Wolken.
Es war mein Fehler
mich umzudrehen
und zu sehen,
du bist gar nicht da.

^

Die Verhüllung des Herzens

Es ist genug
des rostigen Trosts
den fremd
besessene Schultern
in erlogener Zeit
imstande sind
zu geben.

Es ist genug
der weingetränkten
Küsse
die des nachts
das wundgesprochene
Selbstbild ratlos
flicken.

Es ist genug
in den Morgen geschaut
mit Nachtgeschmack
im Haar
mit tabakschwangerer
Befremdung
die durch alle Poren
schleicht.

Es ist Zeit
für den unbestochenen
Blick,
den aufrechten
Gang,
für die Verhüllung
Des Herzens.

^


Trinkschwester


«Eine Flasche habe ich noch», sagt sie,
mit diesem Blick,
zwischen Freude und Abscheu.
Wir zählen die leeren drei.
Die Vierte würde nichts mehr ändern.
Und dennoch will ich ihre Hoffnung
immer wieder enttäuschen.

(veröffentlicht in den Fürther Nachrichten/Thema Alkohol/21.04.2009)

^



Der Tod hat eine Menschenfratze

Du. Tod,
kommst nicht in weiß
mit wehendem Haar und
Lippen aus Licht.
Kommst nicht in schwarz,
keine klappernden Hufe und
keine Worte aus Nacht.
Wirst auch nicht zitronengelb
Deinen Vanilleatem um meine
transzendente Seele hüllen.
Du bist ,Tod, ohne Eigenschaften.
Doch unsere Angst
malt dich an in allen Farben.
Die Verwüstung der Herzen
die zurückbleiben
gibt dir eine Menschenfratze,
denn allzu menschlich ist
die Vorstellung von Vernichtung.

^

 

Out of the blue into the black

Mit 15 spielt man
das Gedankengut
der Selbstmörder durch,
um das Leben kennen zu lernen.
Mit 30 kennt man das Leben
und spielt nur noch selten.

^


Der da Draußen sitzt

Er sitzt da Draußen
Jeden Tag,
sieht die Leute vorbeigehen.
Seine Hand, die hält er auf,
erwartet das ein oder andere
Einsehen.

Doch die Blicke gleiten ab,
kurz über seinem Haupt.
Kein Auge will ihn sitzen sehn,
in all dem Dreck und Staub.

Und doch schleicht er sich
für einen Augenblick
in jenes Still hinein, das hinter
Alltagslärm und Schaufensterschick
einen Jeden erinnert zerbrechlich zu sein,
auch wenn es keiner will.

^

Pas de Deux

Du erzählst mir von Deinen Gefällen.
Ich aber sehe dahinter Schluchten.
Du erzählst mir von Deinen Windungen.
Ich aber sehe dahinter Labyrinthe.
Mit dem Rücken lehne ich an Deinem Tor,
Zu dem Du mir erst Einlass gewährst,
wenn ich daran klopfe.
Ich klopfe aber nicht – Ich lasse mich bitten.

^

In der Novembernacht

In der Novembernacht rauh und
Ohne Orion, ziehen weiße Wolken
durch die kahlen Bäume.
Harter Nordwind flieht durch schmale
Ritzen ein, scheucht Flammen hoch
in karge Winterräume.
Ungerichtete Gedanken zittern lautlos
über kahle Wände.
Kreuzen, züngeln und umarmen mich,
jagen wirr den Kopf in meine hohlen Hände.
Angstgespenster fließen durch den Raum
und machen sich ein Nest darin.
Die Sehnsucht ruht als weit entfernter Traum

^

Kräutergarten

Ich pflücke deinen Koriander,
spiel mit deinem Estragon,
geh mit deinem Pfeffer baden,
atme dein Basilikum.

Lass mich ein in deinen Garten!
Lass mich in dein Labyrinth!

An Dill und Bohnenkraut will
ich mich laben und dich würzen
mit Absinth.


^

Warnung

Ich bin die Wüste,
durch meine Dünen
lass ich jene ziehen
die sich wappnen
mit Ziel und Weitsicht.

Es verenden die Entdecker,
die nichts wissen
von Hitze und Kälte.

^

Für die Ewigkeit

Es könnte reichen...
Das Meer der Gelassenheit
flüstert sacht sein Wellenlied
durch meine Venen.

Es könnte reichen...
Mein Bild von der Unsterblicheit
bist du, so fremd und schön,
beständiges Geheimnis.
Er könnte reichen
in die Ewigkeit
der Fluss jener Verlassenheit
der mich zu deinen Lippen trägt.

Willst mir verraten wo du wohnst,
das weiß ich schon:
abgrundtief in mir.

^

 

Das Herz

das nie vernommen hat
den eigenen Klang
und taub ist für
fremde Gesänge,
wird klopfen
in förmlichem Takt,
sich aber niemals
überschlagen

^

Un poison violent c’est ca l’amour

An den Mast
meiner Skepsis
gekettet,
gebe ich mich
deiner Nähe hin,
die mich ins Verderben lockt.
Ich werde widerstehen
Bis zum Sonnenuntergang

^

Determiniertes Genom

Mein Geist wird zerfließen,
mein Körper zerfallen,
lange bevor die Töne meiner
Uhr verhallen.
Tief in meiner Biochemie
steht in der Sequenz verborgen:
Lebe mit allen Sinnen
und vertraue nie.
Ich beschreibe meine inneren Wände:
In Allem bist du einsam
Und geborgen erst am Ende.

^

An den Mond

Vielbegaffter Mond,
dein nackter Leib hängt weiß und stumm
über meiner Stirne.
Und wenn ich dir zu Ehren hoch erhöbe
meines Hinterns gold’ne Birne,
du schwiegst in kühler Ewigkeit
auf mich und ihn herab.

 

^

Fast

ist die Nacht
in mir
zusammengebrochen.
Fast
hätte ich sie
in meinem Schlund
begraben.
Fast
hätte ich ihr
den dunklen Atem
geraubt.
Doch dann
kam eine warme Hand,
zog mich
in künstliches Licht,
gab mir
trockenen Wein,
blauen Dunst
und ein Gespräch
über die Liebe.
Ich wünschte,
ich wäre
geblieben
in der Nacht,
die nur in mir
ihre Federn
gebreitet hätte,
über meine Vorstellung
von Einsamkeit.

^

Flaschengeist


Wer bist du,
der auf der Matratze sitzt,
im kalten Zimmer,
ohne Strom und Heizung?
Wer bist du,
der an seiner Zigarette zieht,
als hätte er ein Tabakfeld?
Wenn du aus dem Fenster siehst,
auf einen kahlen Baum,
den alle Vögel meiden,
wer bist du dann?
Die Flasche hältst du in der Hand
und lächelst, denn es funktioniert,
das endlose Vergessen,
was vor dem Zimmer war,
vor der Kälte, dem Erwachen.
Du trinkst die Flasche leer,
dein Blick geht nur nach Außen,
denn Innen, da ist keiner mehr,
der da war, ist lange schon verschwunden.
Und du fühlst dich nebenan,
und lebst das Leben eines Fremden.

(veröffentlicht in den Fürther Nachrichten/Thema Alkohol/21.04.2009)

^

Divo Ovza

Ein falscher Winter
brachte mir
Deine Naturgewalt
sie strömte ein
wie blindes Gas
durch jede Ritze
in mein Zitterhaus
hinweggefegt, das
dürre Holz verbrannt
das mühsam ich beisammen
hielt, hast Du Paläste
mir gebaut und auf
Podeste mich gestellt
und zehn mal mehr
mit Gold bezahlt
was ich an bleichen Talern
Dir entgegenhielt

Nichtmal
ein Kuss
war uns vergönnt
nur Regen fiel auf meinen
Mund der sich entgegenhob
zu Dir und lächelte
Auf bald!
er lächelte
Auf bald.

Ein wildes Schaf
erfand die Liebe neu
und zeigte mir
wie Wölfe gehn -
auf leisen Pfoten, ohne Spuren.
In diesem Winter
fiel kein Schnee
einhundertundacht Tage lang.

^


Fit in den Tod

Zur Brust die Knie!
Auf Vollgas das Laufband!
- mentalgepeitscht das Fitnessvieh.

Weiter, weiter!

Gestrafft der Bauch,
90 Grad die Nippel,
im Soll der Kalorienverbrauch.

Heiter, heiter!

Wasser saufen, Rohkostschnitten,
Marathonlaufen, feste Titten,
Hirn gewaschen, Geist geklärt,
durch Sauerstoffflaschen
Darm geleert -im Einheitspuls
Marsch! -

Bis der Tod dich fickt
in den knackigen Arsch.

^

Die Freiheit der Geometrie

ein spitzer Winkel sticht
in meine hohle Hand
und zeigt rotierend
auf die Linie diagonal
zu meinem schrägen Blick.
Der Atem bricht
an ihrem Strich und ein
gekrümmter Tag entfernt sich
Punkt für Punkt.
Im Prisma der Pyramide
ersehne ich den Kreis
in den ich mich versenken kann.

^

Mula Ena

Spaziergängerin
in trüben Labyrinthen
ewiger Häuserschluchten.
Der Rhythmus ihrer Schritte
hebt den Herzschlag der Stille,
tröpfelnde Seufzer stolpern
die Wände herab.
Von blinden Fenstern begleitet
reflektieren einzig ihre Augen
die blasse Sonne.

 

^

Das geköpfte Huhn träumt von Weizen


Monate des Schweigens,
jahreszeitenlang.
Gefroren, abgeschaltet, tief verborgen
unter vergangenen Phantasmen -
dunkles Grollen.
An der Oberfläche blubbert zärtlich
junges, frisches Glück,
unangreifbar, unantastbar, unverwundbar schön.

Doch dann…

Ein fremder Blick. Eine verborgene Geste. Ein seltenes Wort.
Die Kruste bricht.
Ein Tautropfen zischt auf  kalter Haut.
Fingerkuppen wandern, tasten, verbrennen
an scharfen Gedanken, ziehen sich zurück,
verkrampfen herzhaft ineinander.

Eingeschnürt in den Cocon unangreifbarer Moral,
sind es nur die Augenblicke, die sich regen.
Sie folgen dem kühlen Schauer, abwärts
in die feuchte Erde.
Wo nackte Schnecken sich die Fühler lecken
und ihre Spuren ziehen,
lautlos.

 

^

Rêverie


Durch Zeitfenster steigen.
Entlegene Sphären durchstreifen.
Mit Protonen verstecken spielen und
gleichzeitig ankommen und weggehen.
Universelle Schleifen binden.
Quantensprünge in schwarze Löcher wagen.
Haltlos, machtlos, schwerelos
durch die Milchstraße schweben.

Oder einfach nur im Gras liegen und
vom Küssen träumen.

^

Monamori


Deine Wärme umhüllt mich…

wie der erhabene Duft die Lilie,
wie der klare Tautropfen den Grashalm,
wie das satte Blau die Kornblume.

Ich versinke in Deinem weichen Blick,

falle sanft durch Wolken,
falle auf Moos,
falle auf Heu.

Du willst mich nicht verändern,

denn ich bin vollkommen.
So wie Du es bist.
So wie Alles,
so wie jeder auf seine Art vollkommen ist.

Wir verschmelzen ineinander,

ohne uns aufzulösen,
ohne uns aufzugeben,
ohne uns zu vergessen.

Hier gibt es keine Explosionen.

Ein Vibrieren, Flirren und Schillern
ist unsere chemische Reaktion.


Ich simmere, schwummere und wolumse,
mit Dir an meiner Seite.

^